Letzte Aktualisierung am: 20.12.2015 - Um zur Hauptseite zu kommen, bitte hier klicken

Explicit Artwork Achtung: Der nachfolgende Text von Dr. Roland Seim stellt keine unerlaubte Werbung indizierter und/oder verbotener Medien dar, sondern dient der zeitgeschichtlichen Information im Sinne von Art. 5 (insb. Abs. 3) GG und §§ 86,2,3 und 131, Abs. 3 StGB. Explicit Artwork

Die Geheimnisse der Zensur -

 

"Eine Zensur findet nicht statt, ... oder?" (Teil 2) Zurück zu Teil 1

4) Musik:

Im Musikbereich reichen die Zensurmöglichkeiten z.B. von selbstzensorischen Pieptönen bzw. entschärften Covern, über Spielboykotte durch Radio-/Musiksender/Kaufhausketten bis hin zu Indizierung oder Verbot. Dabei können sowohl Texte als auch Cover sowie Beilagen, Insleeves oder Werbung jugendschutz- bzw. strafrelevant sein.

Wir möchten hier auf unser Buch "Nur für Erwachsene" und die entspr. Partner-Website www.rockundzensur.de hinweisen, das viele Vorher-Nachher-Versionen enthält. Vom 30.01.-16.05.2005 war die gleichnamige Ausstellung im Rock'n'Popmuseum Gronau zu sehen; später war sie u.a. im Dt. Zeitungsmuseum. Hier ein Beispiel aus dem Buch/der Ausstellung (einige weitere folgen unten):

Butcher-Cover der Beatles

Einer der bekanntesten Klassiker ist das sog. "Butcher"-Cover der Beatles-Platte "Yesterday and Today" (li.) von 1966. In der Original-Version posierten die Pilzköpfe mit Teilen von nackten Spielzeugpuppen und Fleischstücken. Der daraufhin losbrechende Protest gefiel allerdings dem Label nicht. So wurde die Platte zurückgezogen und durch ein neues Motiv (re., das "Trunk-Cover") ersetzt. Dass den Beatles dies nicht passte, sieht man ihren betont gelangweilt-genervten Gesichtern an.

Für das sehr seltene Original zahlen Sammler übrigens ein kleines Vermögen.

Trunk-Cover der Beatles

Nun aber zur bundesdeutschen Musikzensurgeschichte. Nachdem in früheren Jahrzehnten vor allem schlüpfrige Herrenabend-Schlager einer Helen Vita Jugendverbot erhielten, kamen in den 1980er Jahren auch Punk-Songs (z.B. "Polizei SA-SS" von Slime) auf den Index. Selbst die "Schlumpf-Techno-Version" von Slimes "Bullenschweine" durch die HipHop-Band "Fischmob" führte Ende der 1990er Jahre zu Haussuchungen, Beschlagnahmen und Anzeigen gegen das Label Plattenmeister. Und 2003 verklagte ein Polizist einem Mann, der Slimes Stück "Bullenschweine" bei einer Demonstration spielte, in Hamburg wegen Beleidigung und konfiszierte die Platte. Der Sampler "Kampflieder-Deutschpunk" wurde am 31.12.2003 indiziert, u.a. weil dort auch die beiden Slime-Tracks drauf ist. Weitere Soundtracks traf es später.

Bislang ist die Musikbranche einer der wenigen Medienbereiche, wo es keine Institution der Freiwiligen Selbstkontrolle gibt, wie die deutsche Phonoindustrie bestätigte. Das könnte sich bald ändern. Jetzt, da selbst die Internet-Suchmaschinenbetreiber ein solches Gremium gründen, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit bis, bis es eine Musik-FSK gibt. Dies hätte zwar den Vorteil, dass freigegebene Sachen nicht mehr indiziert werden könnten, brächte aber auch die bekannten Nachteile mit sich. So wäre die Bewertung - wie z.B. bei der Filmkontrolle - vermutlich kostenpflichtig für das Label und das Prüfverfahren würde auch dazu führen, dass es länger dauert, bis die CDs auf den Markt kämen. Und nicht zuletzt stellt sich die Frage nach der Objektivität und nach der Zusammensetzung eines solchen Gremiums. So dürfte es bald auch in Deutschland Sticker à la "Parental Advisory - Explicit lyrics" wie in den USA geben.

 

"Die Ärzte"

 

Musik&Zensur-Logo

 

Mehrere Tonträger der Berliner Fun-Punk-Band "Die Ärzte" wurden wegen Texten wie "noch sitzen wir hier und spielen Schach, aber gleich lege ich dich flach" indiziert. 'Schon' 17 Jahre nach der Indizierung wurde ihre Debüt-LP "Debil" am 30.11.2004 wieder vom Index gestrichen und unter dem Titel "Devil" neu veröffentlicht. Einige blieben dort allerdings bis heute.

Obwohl selbst nicht indiziert, prangte auf dem Cover ihres Concert-Video-Mitschnittes "Die beste Band der Welt - und zwar live, Teil 2" (1989) dann auch dieser Stempel (li. oben). Das böse "Geschwisterliebe"-Lied spielten sie nur instrumental und nannten es "Der Ritt auf dem Schmetterlingsflügel", während die Fans mitsangen. Das führte übrigens auch zu Prozess und Verurteilung der Band wegen Verbreitung jugendgefährdender Medien, da sie beim Einlass keine Alterskontrolle gemacht hätten.

 

Selbst von den deutschen Vorzeige-HipHoppern der ersten Stunde, den "Fantastischen Vier", steht seit Ende 1993 eine Platte (bzw. Single) auf dem Index (siehe Reto Wehrli).

 


Auch stoßen vor allem viele Coverdesigns von Heavy Metal- und Hard Rock-Bands den Jugendschützern moralinsauer auf. So waren z.B. die Plattenhülle des "Anthrax"-Albums "Fistful of Metal" (li.) seit Juli 1986 indiziert. Obwohl es sich dabei um einen durchaus sprechenden Titel handelt, stand im BPjM-Index allerdings lange ein falscher Plattenname, nämlich "Festival of metal". Seit 1985 war das Cover von "Deflorator: T.N.T." (re.) indiziert. Nach 25 Jahren erfolgte die Streichung vom Index.

Anthrax - Fistful of Metal

Deflorator: T.N.T.

  The Rods: Let them eat metal-LP

Neben "Gewalt" ist es vor allem "Sex", der zu Ärger führen kann. Selbst bei alten LPs wie "Virgin Killer" von den Scorpions von 1976 kann nach all der Zeit wieder ein Skandal hochkochen. Nun droht eine Indizierung wegen angeblicher "Kinderpornographie", die damals nicht verfügt worden war (siehe z.B. welt.de).

Im Januar 2014 sind rund 1400 Tonträger indiziert (die meisten wegen rechtslastiger Texte; aktuell aber auch vermehrt aus dem Bereich Rap/HipHop); ungefähr 400 sind wegen Volksverhetzung, Pornographie (u.a. "NOFX"), Gewalt (u.a. "Böhse Onkelz", "Cannibal Corpse" und einige "Hirntot-Records") oder Beleidigung ("Die Angefahrenen Schulkinder") verboten. Während ihr Song "Tötet Onkel Dittmayer" vom Vorwurf der Gewaltaufforderung freigesprochen wurde, beschlagnahmte das Hannoveraner Amtsgericht 1992 deren ulkig gemeinten Country-Song "I wanna make Love to Steffi Graf". Alle Platten mit diesem Stück sind seitdem verboten. Die Osnabrücker Comedy-Show "Die Angefahrenen Schulkinder" musste DM 60.000 Schmerzensgeld an den Tennisstar zahlen und die Gerichtskosten tragen (Abdruck des Beschlagnahmebeschlusses und des Urteils in "Ab 18" - Band 1).

Roxy Music: Contry Live-Versionen Selten sind die Beispiele, wo unterschiedliche Versionen auf den Markt kamen, so z.B. "Virgin Killer" von den "Scorpions", die ihr Cover wegen des Pädophilievorwurfs umänderten, oder "Country Live" von "Roxy Music" (Abb. li.), auf der statt lasziver Bikini-Girls in der überarbeiteten (für den US-Markt gedachten) Version 1974 nur noch die Vegetation übrigblieb (re.).

Sex and Drugs and Rock'n'Roll erregten schon immer die Moralapostel, auch wenn heute die Grenzen weiter gesteckt sind.

Great White: Hooked (Original) Great White: Hooked (zensiert)

Als die Blues-Rock-Band "Great White" 1991 ihr Studio-Album "Hooked" (s.o.) veröffentlichte, saß auf dem Cover eine unbekleidete Blondine auf einem Anker bzw. überdimensionalen Angelhaken (li.). Dies und wohl auch der weiße Hai auf der Rückseite des Covers (siehe Rolloverbild links) schienen einigen Sittenwächtern dann doch als zu gewagt, woraufhin Capitol Records die Ursprungsversion nach nur wenigen Wochen vom Markt nahm und durch ein entschärftes Motiv ersetzte (re.). Die Frau am Anker gab's zwar immer noch - dafür war sie fast vollständig unter Wasser verschwunden. Nur noch Kopf, Schultern und Arme schauen nach dieser Selbstzensuraktion heraus. Da aber beide Fassungen doch relativ verbreitet sind, sind die Preisunterschiede nicht so erheblich wie bei sonstigen zensierten Medien.

 

Fuck Parental Advisory

NOFX-CD-Cover

Nicht wenige Zensurgegner in den USA bezeichnen Beschränkungen der Meinungsfreiheit als "unamerikanisch", wie z.B. auf der Verpackung einer CD von "diVINYLS" (Virgin, 1990) zu lesen ist:

diVINYLS-Hinweis

Doch gerade im konservativ-religiösen Bush-Land blüht auch die Zensur von Pop-Musik, wie z.B. der Autor Eric Nuzum und FreeMuse dokumentieren (siehe TAGESSPIEGEL).

1996 verbot das AG Münster das LP-Cover der US-Punk-Band NOFX, das im Schaufenster eines Plattenladens stand. Nach Zahlung einer Geldbuße in Höhe von rund DM 3.000,- wurde das Verfahren gegen die Besitzer zwar eingestellt, die LP-Version von "Heavy Petting Zoo - Eating Lamb" blieb aber verboten, während das ähnliche CD-Motiv (re.) "Heavy Petting Zoo" weiterhin erlaubt ist. Der Beschlagnahmebeschluss ist in "Ab 18" - Band 2 abgedruckt. Da das Album offenbar auch in anderen Ländern "banned" ist, entwarf die Band den "Fuck Parental Advisory"-Sticker (li.).

  Nicht verboten: Severe Torture
Severe Torture: Zensierte Fassung

Wie relativ willkürlich einzelne Verbote exerziert werden, zeigen diese Fälle: Während seit fast 20 Jahren der Tonträger "Butchered at Birth" (Cover und Texte) der Death Metal-Gruppe "Cannibal Corpse" wegen Pornographie und Gewaltdarstellung verboten ist, wurde die CD "Misanthropic Carnage" (oben) der Death-Metal-Band "Severe Torture" aus dem Jahr 2002 (noch) nicht belangt. Für den Verkauf gibts eine zensierte Fassung.

 

Die notorische Death-Metal-Combo "Cannibal Corpse" bleibt auch 2005 im Bannstrahl der Bundesprüfer: am 29.1. wurde die CD "Worm Infested" (Metal Blade Records, Salach) indiziert. 2013 wurde "Torture" verboten.

Offenbar erregten aber eher die Texte als dieses Cover-Artwork den Unbill der Jugendschützer, denn das Cover scheint nicht indiziert worden zu sein.

Zwar mutet es ungerecht an, dass nur manche Fälle verfolgt werden (z.B. "MC Basstards" Song "Bullenjagd", der vom LKA Brandenburg beharkt wurde oder die CD "Battle Reimpriorität Nr. 7" von "Taktlos", die indiziert wurde; siehe ein HipHop-Forum), andererseits ist es beruhigend, dass nicht alles fragwürdige Material gerichtsnotorisch wird, denn sonst läge die Vermutung eines Überwachungsstaates nahe. Einige Labels wollen Ärger vermeiden, und bringen gelegentlich zwei Versionen heraus: Ein Original und eine harmlose Fassung für den deutschen Markt (Bildbeispiele in "Ab 18 - Band 2). Zum Bereich Musikzensur sei auf Reto Wehrlis Buch "Verteufelter Heavy Metal" und auf die von Werner Pieper herausgegebenen Bücher verwiesen.

Sodom-CD-Cover "Zensiert" Sodom-CD-Cover unzensiert Sodom: Neues CD-Cover Andere Formen der Selbst-Zensur wie der Aufkleber des CD-Covers von "'Till Death Do Us Unite" (li.) der Gruppe "Sodom" reizen aber eher die Neugier, anstatt wirklich ernsthaft zu wirken.

Gleichwohl lehnten Plattenläden auch das entschärfte Motiv ab, so dass es durch ein neues (re.) ersetzt werden musste.

Unzensierte Originalcover erzielen bei Sammlern höhere Preise als die für den nivellierten Mainstream-Markt entschärften harmlosen Versionen.

Belphegor

Auch "satanistische" Inhalte können als jugendgefährdend eingestuft werden und zu einer Indizierung führen.

Wegen entsprechender Texte und Abbildungen im Booklet der CD "Lucifer Incestus" von Belphegor strengte das bayrische Landesjugendamt 2004 ein Verfahren vor der Bundesprüfstelle an. Deren 12er-Gremium entschied nun jedoch, weder CD noch Booklet auf den Index zu setzen.

Weitere Infos dazu findet man auf der Homepage der österreichischen Band: www.belphegor.at

Quelle: Andreas Jur von www.buchwurm.info

Neben Indizierung, Verbot und Selbstzensur gibt es auch noch den Spielboykott durch Radio- und Musiksender, wenn die Titel etwa gegen den Rundfunkstaatsvertrag oder die Senderrichtlinien verstoßen. Der Musiksender "Viva Plus" startete am 20.1.2005 ein Format namens "X-Rated", bei dem um mitternächtlicher Stunde ausnahmsweise unzensierte Clips gezeigt werden. Zuschauer können per SMS abstimmen, ob die Clips bis zu Ende gesendet werden sollen oder nicht.
Denn auch Animositäten von Intendanten oder Redakteuren können dazu führen, dass Titel auf interne "Schwarze Listen" (siehe auch die Beispiele bei "Liebe Sünde") kommen.

Xenia: "Ohne Zensur"

Natürlich ist das Reizwort "Zensur" immer auch ein Eye-catcher, wie beim österreichischen Pop-Sternchen Xenia.

Das Zeitgeistmagazin "Wiener (Deutschland)" schrieb: "Die österreichische Pop-Sängerin Xenia bannt ihre feucht-fröhlichen Jungmädchen-Träume auf CD. "Ohne Zensur" heißt ihr erstes Werk. In selbstverfassten Titeln wie "Mach mit mir Liebe", "Lieb mich auf dem Rücksitz" und "Fellatio" singt Xenia gnadenlos Klartext. Für den Sender Ö3 etwas zuviel des Guten: Die klangvollen Frivolitäten des Wiener Madls wurden mit strengem Sendeverbot belegt."

Selbst Rockgrößen wie die "Rolling Stones" haben immer mal wieder mit Zensur zu tun, wenn sie etwa im prüden Amerika beim Super-Bowl auftreten, dessen Übertragung seit Janet Jacksons Nipplegate mit leichter Zeitverzögerung übertragen wird, und dann zwei ihrer Songs ("Start me up" und "Rough Justice") zensiert wurden, weil sie Wörter aus dem sexuellen Sprachgebrauch enthielten (siehe SPIEGEL). Weniger erstaunlich aber, dass ihr Concert in Shanghai zensiert wurde (siehe SPIEGEL). Während Sendeboykotte und entschärfende einer redaktionellen Animosität geschuldet sind, führen in Deutschland Indizierungen zu einem offiziellen Sendeverbot aus Jugendschutzgründen bei allen deutschen Radio- und TV-Sendern.

"AGGRO Ansage Nr. 4"

Tatsächlich indiziert wurden am 31.12.2004 die HipHop-Compilation "Ansage Nr. 3" und am 31.5.2005 "Ansage Nr. 2" des Labels Aggro Berlin, u.a. wegen Drogenverharmlosung und Sexismus (vgl. SPIEGEL), vor allem in den Songs "(Neger), bums mich", "Pussy" und "Psycho Neger B" (Begründung in: "BPjM-Aktuell", 3/2005, S. 3-13).
Nachdem sich die Bundesprüfer auf das Label und ihren betont (und gelegentlich bemüht) tabubrechenden HipHop eingeschossen hatten, traf es auch die CD "King of Kingz" von Bushido (siehe "Kulturzeit"), und am 30.9.2005 "AGGRO Ansage Nr. 4" (Abb. li.), "Maske" von Sido, "Obscuritas Eterna" von MC Basstard und "Vom Bordstein bis zur Skyline" von Bushido; im Januar 2007 dann "Mixtape 90210" von Fler, "Berliner Schnauze" von Bass Sultan Hengzt und "Der neue Standard" von Beathoavenz. Über 20 HipHop-Alben wurden bislang indiziert. Das Label Aggro Berlin gibt es nicht mehr.

Mitarbeiter der Ordnungsämter überwachen bei Konzerten von Bushido (z.B. in Düsseldorf im Februar 2007), dass er keine seiner als jugendgefährdend eingestuften Lieder spielt. Auch der CD-Verkauf wird überwacht.

In den USA führte der 11. September 2001 u.a. auch dazu, dass viele Titel nicht mehr im Radio gespielt wurden. Selbst Cover mussten geändert werden, wie beim Album "Party Music" der Rap-Band "The Coup", obwohl die Illustration schon 18 Monate vor dem Terror-Attentat entworfen worden sein soll:

The Coup - ursprüngliches Cover The Coup - tatsächlich realisiertes Cover

Dass die "Battles" der Rap- und HipHop-Gangs in den USA auch zu tatsächlichen Toten untereinander führen, zeigten etwa die Morde an einem "Run DMC"-Mitglied und Rapper Tupac Shakur. Auch zwischen "50 Cent" und "The Game" herrscht so etwas wie ein Bürgerkrieg, der unlängst in eine Schießerei mündete. Angesichts dieser Eskalation wollen die Rivalen einen Waffenstillstand schließen (siehe SPIEGEL). Zur deutschen HipHop-Szene um Sido, Bushido, Kool Savas u.a. siehe Der SPIEGEL.

 

"Schöne Scheisse"  

Bastei (Abb. rechts) erwirkte wegen dieses Covers des Booklets der CD "Schöne Scheisse" eine einstweilige Verfügung vor dem OLG Köln, da offenbar eine zu große Ähnlichkeit mit den Hervorbringungen des Romanheftverlages bestand. Im Juli 2005 einigte man sich auf einen Vergleich. Damit ist das Werk wieder frei (siehe Ox).


Achtung! Nicht zu verwechseln mit der CD "Schöne Scheisse" der Punkband "Terrorgruppe" (Abb. links).

Nähere Infos zu dem Fall finden Sie bei triggerfish und terrorgruppe.com

And now for something completely different: In Deutschland werden vor allem rechtsideologische Musiktitel seit den 1990er Jahren verstärkt indiziert und verboten, da deren eingängige Propaganda als Einstiegsdroge vor allem für anfällige Jugendliche zu rechten Ideologien insbesondere der NPD gelten. Die rechtsradikale Skinhead-Band "Landser" wurde Ende Dezember 2003 zwar als kriminelle Vereinigung verurteilt, deren Sänger Michael R. soll sich aber nun in der NPD verdingen. Da das BGH jüngst die Haftstrafe bestätigte, muss er allerdings erstmal für gut 3 Jahre ins Gefängnis. Eine informative Zusammenfassung zum Thema Rechtsextremismus und Jugendkultur - inkl. Abbildung der strafbaren Symbole, Parolen, Platten, Fanzines, Logos und sonstiger Inhalte - stellt übrigens die kostenlos erhältliche Info-Broschüre des Innenministeriums NRW "Musik - Mode - Markenzeichen" (Düsseldorf 2004) dar. Als zwei von vielen verbotenen Musikbeispielen möchten wir folgende vorstellen:

 

Weder der programmatische Bandname "Zensur" noch der Titel der Platte "Wir sind dagegen" nutzte der Heavy-Metal-Skinhead-Band im Stil der "Böhsen Onkelz", da ihr Debütalbum wegen Gewaltverherrlichung (lt. § 131 StGB) 1998 vom AG Koblenz beschlagnahmt und 1999 vom AG Sinzig eingezogen wurde. Auch ihr Tonträger "Politiker auf Kneipentour" wurde 1999 vom AG Oldenburg beschlagnahmt - allerdings wegen Volksverhetzung (lt. § 130 StGB).

Die rechte Propaganda-CD "Anpassung ist Feigheit", die 2004 gratis auf Schulhöfen verteilt werden sollte, wurde im August 2004 beschlagnahmt (aktuell siehe SPIEGEL).

 

Aktuell wurden Ende 2006 die CDs "Tribute to Skrewdriver Vol. 2" (wegen Rassismus) und "Sexkönig" (2004) von "King Orgasmus" (wegen Pornographie) beschlagnahmt. Schwarze Listen hinsichtlich des Verkaufes hat eBay natürlich auch für indizierte oder verbotene Tonträger (bitte hier klicken für einige Beispiele). Bekannte Schockrocker, die als die üblichen Verdächtigen immer mal wieder in der Diskussion stehen, sind vor allem Rammstein, Slipknot, Marilyn Manson, diverse DeathMetaller und Hardcore Rapper (siehe dazu den Beitrag "Böse Buben der Musik").

Zu weiteren Fällen von Musik-Zensur siehe unser Buch "Nur für Erwachsene"


5) Film/Video:

Von den Dreharbeiten bis zur Fernsehausstrahlung - wegen seiner Suggestivkraft stellt das Medium Film den wohl am umfassendsten reglementierten Bereich dar. Alle Filme/Werbematerialien, die kommerziell erfolgreich sein wollen, müssen von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) vor der Aufführung geprüft und freigegeben werden. Eine FSK-Prüfung, die eine Freigabe "ab 18 Jahren" bescheinigt, bietet indes keine wirkliche Sicherheit vor Indizierung oder Beschlagnahme. Außerdem kann die Juristen-Komission der FSK ein Medienobjekt an die Staatsanwaltschaft weiterleiten, wenn es gegen §§ 131 oder 184 verstößt. "Ab 16" freigegebene werden seit Mitte der 1980er Jahre nicht mehr indiziert oder verboten. Filme ohne Prüfung/Freigabe (was bei kommerziellen Filmen sehr selten vorkommt, außer sie erscheinen als Re-Issues auf Video/DVD in semilegalen Underground-Labels wie Astro) sind wie "ab 18" zu behandeln. "Ab 18"-Medien - auch ohne Indizierung - unterliegen letztlich den gleichen Vertriebsbeschränkungen wie indizierte, d.h. sie dürfen u.a. nicht per Post verschickt oder bei eBay gehandelt werden. Selbst Bücher über indizierte Filme können, wie es Andreas Bethmanns "Deep Wet Torture Handbook" am 31.12.2003 passierte, indiziert oder verboten werden.

Censored/Banned

Von den ca. 1.200 während der Nazi-Diktatur in Deutschland gedrehten Filme gelten heute noch 40 als sog. Vorbehaltsfilme, die nicht oder nur kommentiert gezeigt werden dürfen.

Tempora mutantur - Wie sich die Zeiten ändern: Als erster Film-Skandal der jungen Bundesrepublik erregte die kurze Nacktszene der Knef in Willi Forsts Melodram "Die Sünderin" die Öffentlichkeit. 1950 erfolgte ein kurzzeitiges polizeiliches Aufführungsverbot. Die (damals klerikal dominierte) FSK kritisierte vor allem die "Verharmlosung von Prostitution und Selbstmord." Die katholische Kirche forderte ihre Schäfchen auf, den Film zu boykottieren. Heute hat der Film als "moderner Klassiker" auf Video eine FSK-Freigabe "ab 12 Jahren" und lief mehrfach im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

 

 

 

 

 

Von "Das Schweigen" von Ingmar Bergman, über Nagisa Oshimas "Im Reich der Sinne" und Pasolinis "Salò oder die 120 Tage von Sodom" bis hin zur Jörg Buttgereits "Nekromantik 2" und Peter Jacksons "Braindead" - zahlreiche Filme erregten bei ihrer Premiere Skandale, Missverständnisse und Verbote. Viele seinerzeit umstrittenen Filme wurden später als Meisterwerke ihres Genres gewürdigt; manche sind bis heute verboten. So kam "Salò" jetzt nach 25 Jahren wieder in die Kinos und wurde von der SZ (12.5.2003) als "Werk von unerbittlicher Schönheit und grausamer Genauigkeit" gefeiert. Indiziert bleibt er dennoch.

Aber auch vermeintlich harmlose Filme wie die James-Bond-Streifen können Unmut erregen. Auch wenn in dieser erfolgreichsten Kino-Serie die oftmals als legitimes Mittel verharmloste Gewaltanwendung kaum jemanden stört, so darf es in Punkto Erotik nicht zuviel des Guten sein.

Gerade in den prüden USA gilt im Zweifel das Motto "No sex, please!", wie diese Retusche auf einem Kinoplakat für den Film "For Your Eyes Only" zeigt. Auf die wohl schönsten Beine bzw. Hintern der Filmgeschichte (li.) pinselten die Amis kurzerhand ein paar Hosen drüber (re.) (Abb. aus "Steady Cam" Nr. 45, Frühjahr 2003, S. 55).

Da erstaunt auch "Nipplegate" nicht.

Retusche auf Bond-Filmplakat

Wesentlich handfestere Zensureingriffe in Deutschland lassen sich bei heftigeren Filmen beobachten, auch wenn sie eigentlich viel unrealistischer und bizarrer übertrieben daherkommen, wie das folgende Beispiel zeigt.

Der neuseeländische Regisseur Peter Jackson wurde einem großen Publikum erst durch seine "Herr der Ringe"-Verfilmungen und aktuell durch "King Kong" bekannt. Seine Anfänge liegen indes im Splatter-Genre mit Filmen wie "Bad Taste" (den die BPjM erst jetzt entdeckte und am 31.12.2005 indizierte), "Meet the Feebles" und eben "Braindead".
Diese groteske Splatter-Komödie wurde von der deutschen Justiz verkannt, die ihn in verschiedenen Releases indizierte, zensierte und beschlagnahmte. Selbst die unter dem albernen Titel "Braindead - der Zombie-Rasenmähermann" veröffentlichte und vermutlich gekürzte deutsche Fassung ist seit 1995 indiziert. Die Originalversionen sind seit 1999 beschlagnahmt. Lediglich eine um über 20 Minuten gekürzte (vulgo verhunzte) Fassung ist mit einer "ab 16"-Freigabe frei erhältlich. "Party is over!"


Die rund 100-minütige Originalversion ist sowohl in englischer Sprache als in deutscher Übersetzung auf Video bzw. LaserDisk (und später auf DVD) seit 1993 indiziert und seit 1999 verboten.

 

Aber auch ernsthafte Mainstream-Beiträge können Konsequenzen haben. Als aktuelles Beispiel sei "Der Soldat James Ryan" erwähnt, für dessen Ausstrahlung Anfang 2003 um 20.15 Uhr Pro7 Euro bis zu EUR 500.000 Strafe (+ Rückzahlung der Werbeinnahmen) zahlen soll. Der Film hatte trotz einer siebenminütigen Kürzung durch den Sender eine "ab 16"-Freigabe, dessen Ausstrahlung nach den Fernsehrichtlinien erst ab 22 Uhr erlaubt ist.

  Als bekanntester Fall sei "Tanz der Teufel" von Sam Raimi erwähnt. Die comicartig überdrehte Low-Budget-Horrorgroteske beschäftigte seit dem Kino- und Video-Verbot 1984 alle Instanzen.
Schließlich gab das Bundesverfassungsgericht durch ein beachtenswertes Urteil (siehe Link) acht Jahre später die um eine Minute gekürzte Fassung frei, da eine Verletzung der Menschenwürde bei Film-Zombies kaum vorliege. Daraufhin wurde der Paragraph 131 erweitert. Merkwürdigerweise wurde dieses Analogieverbot bei späteren Filmverboten nicht wieder berücksichtigt.
Die Originalversionen blieben für Kino/Video/DVD verboten, die gekürzte ist unter dem Titel "Tanz der Teufel 1" indiziert. Der international mehrfach preisgekrönte Film soll in Italien übrigens ab "14 Jahren" freigegeben und sogar im Fernsehen gelaufen sein.

Dario Argentos Film "Tenebre" ist bei uns auch in geschnittener Fassung auf Video seit der Beschlagnahmung durch das LG München 1987 verboten. 2004 wurde Olaf Ittenbachs "Riverplay" verboten.
 

Vor allem das Genre Horror/Splatter unterliegt in Deutschland zahlreichen Einschränkungen. Dabei sind nicht nur Form und Inhalt, sondern auch das Präsentationsmedium relevant für eine mehr oder weniger restriktive Behandlung. Während Kinofilme selten verboten werden (wegen Gewalt sind es fünf, z.B. "Tanz der Teufel", "Texas Chainsaw Massacre Part 2" und "Muttertag"), können sie auf Video oder DVD geschnitten, indiziert oder beschlagnahmt werden, obwohl sie zumeist inhaltsgleich sind. Dies wird mit den medienspezifischen Kontroll-/Distributions-Möglichkeiten gerechtfertigt. Videos/DVDs können nach Erscheinen unkontrolliert verbreitet werden:

 

2015 sind über 480 Filme wegen Gewaltverherrlichung oder Pornographie auch für Erwachsene verboten, darunter etwa Don Coscarellis "Das Böse", Romeros Zombie-Trilogie, mehrere Teil der "Freitag der 13."-Reihe, "Halloween II","Tetsuo II" und Peter Jacksons "Braindead". Sogar der wohl erste Splatterfilm "Blood Feast" von H. G. Lewis (1963) wurde 2004 verboten.

Trotz heftiger Kürzungen und einer FSK-Freigabe "ab 18" wurde George A. Romeros "Zombie 2 - Das letzte Kapitel" ("Day of the Dead") am 31.5.1988 indiziert, am 22.11.1990 beschlagnahmt und am 30.4.1991 eingezogen. Der Film, der unter Kennern Kultstatus genießt (siehe das Romero-Interview im SPIEGEL), ist im Ausland frei verkäuflich. Während 2001 eine Re-Issue von Romeros Klassiker "Zombie - Dawn of the Dead" bei Laser Paradise beschlagnahmt wurde, veröffentlichte Universal 2004 die Neuverfilmung von "Dawn of the Dead" als Director's cut.

Erstaunlicherweise strich die BPjM die Original-Cassette der seit 1986 eingezogenen "Zombies unter Kannibalen" am 31.7.2007 vom Index, vermutlich aus technischen Gründen. Die österreichische DVD-Version von "Raptor Film" beschlagnahmte das AG Tiergarten am 6.4.2005.

 

Die nach 25 Jahren greifende Aufhebung der Indizierung wurde bei einigen Filmen wie "Man-Eater" und "Hexen - geschändet und zu Tode gequält" sowie mehreren Folgen vom "Schulmädchenreport" verneint und eine Folgeindizierung verfügt, während andere wie "Wer Gewalt sät", "Nightmare" oder "Hügel der blutigen Augen" nun nicht mehr indiziert sind. Ebenso nahm die BPjM die damals verbotenen Filme "Mondo Cannibale 3. Teil - Die blonde Göttin" und "Die Hölle der lebenden Toten" am 31.7.2007 vom Index.

Solch ungleiche Behandlung ruft Verbotsumgehungsstrategien hervor. Findige Vertreiber beliefern die Fans mit Original-Fassungen (vor allem aus Holland, wo bislang noch keine Zensur stattfindet und die höchste Freigabestufe "ab 16" lautet) oder Neuveröffentlichungen unter falschem Namen. Durch das Multimedia-Gesetz sind allerdings alle Versionen verbotener Filme mit den in der deutschen Fassung bereits untersagten gleichgestellt. Dies erklärt die zahlreichen aktuellen Verbote von DVDs wegen Inhaltsgleichheit. Das musste auch Oliver K. von der Firma Astro erfahren, der am 21.1.2003 vom Amtsgericht Kassel zu EUR 2.000,- (+ Übernahme der Prozesskosten) und acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde, da er Re-Issues von hierzulande verbotenen Filmen veröffentlicht hatte. Darüber hinaus wurde ihm die Auflage erteilt, in Zukunft nur noch geprüfte und freigegebene (d.h. zumeist geschnittene) Werke zu veröffentlichen. Filmfans fragten sich, ob man nicht eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof anstrengen könnte, da viele der Filme im benachbarten Ausland als Kunstwerke gälten und frei verkäuflich seien, was eine Bevormundung der deutschen Konsumenten sowie eine Wettbewerbsverzerrung darstelle. Aus Angst vor juristischen Konsequenzen wagten es viele Labels nicht mehr, potenziell tatbestandsrelevante Streifen heraus zu bringen. So verzichtet z.B. Paramount auf eine Veröffentlichung der Titel "Freitag der 13. - Teil 3 und 4".

Allerdings scheinen Beschlagnahme-/Einziehungsbeschlüsse einer Verjährung zu unterliegen, die nach 10 Jahren in Kraft tritt. So kennzeichnet man in "BPjM-Aktuell" alle verjährten Gerichtsentscheidungen. Juristisch unklar bleibt allerdings, wie mit diesen Medien verfahren werden soll. Automatisch erlaubt dürften sie nicht sein.

Angesichts der aktuellen sadistischen Folter-Horrorfilme wie die "Saw"- und "Hostel"-Reihe, "Wolf Creek" oder "Hard Candy"(siehe SPIEGEL) ist man erstaunt über die alten Verbote und die neue Freigaberegelung. Alle diese Streifen liefen regulär im Kino. Nur bei "Hostel 2" (der 2008 auf DVD beschlagnahmt wurde) verfügte die FSK einige Schnittauflagen, um eine Freigabe mit Jugendverbot erteilen zu können. Vielleicht hängt das Interesse an Folterszenen mit der politischen Weltlage zusammen: Wenn die USA in realiter Kriegsgefangene malträtieren, will man offenbar statt verwackelter Amateurbilder im TV beinharte Torturen im Film sehen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die frühen Splatter-Filme Low-Budget-Produktionen ohne große Lobby waren, während heute Major Labels mit Millionenetats hinter diesem Mainstream-Phänomen stehen. Einen für eine Riesen-Gage folternden Tom Cruise zu verbieten oder zu zensieren traut sich der Staat wohl weniger als bei No-Name-Labels.

"American History X"-Plakat "American History X"-Plakat Eine Grauzone stellt die Abbildung eines Hakenkreuzes dar: So gibt es zwei Fassungen des deutschen Plakates für den Film "American History X" (li. u. re.). Nähere Gründe waren leider nicht in Erfahrung zu bringen.

Der Verleiher des Filmes "Amen" von Constantin Costa-Gavras nach dem Roman "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth zog 2002 Jahr das vom Benetton-Werbedesigner Oliviero Toscani gestaltete Plakat wieder zurück und ersetzte es zumindest in Deutsch-land durch ein unverfänglicheres Motiv.

"Zensoren neigen dazu, das zu tun, was sonst nur psychisch gestörte Menschen tun - Sie verwechseln die Illusion mit der Wirklichkeit." (David Cronenberg)
Siehe als aktuelles Buch Stefan Volk: Skandalfilme.
Als umfangreichstes und wohl bestes Portal zum Thema Filmzensur empfehle ich: www.schnittberichte.com


6) Kunst:

Die Kunst, spätestens seit Friedrich Schiller als Kind der Freiheit aufgefasst, wird vergleichsweise selten zum Gegenstand von Straf-Prozessen, vielleicht, weil die gedankliche Nähe zur "Entarteten Kunst" der NS-Zeit noch zu präsent ist. Gleichwohl können auch Kunstwerke "tatbestandsrelevant" sein, etwa wenn sie als gewaltverherrlichend, ehrabschneidend oder pornographisch eingestuft werden, oder verbotene Symbole beinhalten. Häufiger als Verbote sind allerdings Protestaktionen, Selbstzensur und publicityträchtige Skandale. Hier sei nur an den Polit-Künstler Klaus Staeck erinnert, der in den 1970er Jahren die Dutzenden von Prozessen letztlich gewonnen hat.

Die Werkreihe "Kunst und Leben" des Münsteraner "Totalkünstlers" Prof. Timm Ulrichs geriet 1993 bei einer Ausstellung in Iserlohn in die Kritik, da der Künstler schon auf der Einladungskarte einen Rückenakt abgebildet sehen wollte. Die Arbeiten zeigen Abbildungen aus Pornomagazinen, in denen ein Kunstwerk im Hintergrund zu sehen ist. Dabei wählte Ulrichs die Ausschnitte so, dass der Betrachter zwar erahnt, was vor sich geht, die entscheidenden Stellen aber nicht sieht. Auf Drängen der Gleichstellungsbeauftragten und des Stadtdirektors wurde die Einladungskarte eingestampft; eine 'Light-Version' (ganz in Weiß) lehnte der Künstler ab. Trotz oder gerade wegen der Kontroverse in der Tagespresse und abtrennenden Vorhängen in den Ausstellungsräumen erwies sich die Schau als Publikumsmagnet.

H.R. Giger: "Penis Landscape"

Das Airbrush-Gemälde "Landscape No. XX - Where Are We Coming From" (aka "Penis Landscape") des Schweizer Künstlers und Oscar-Preisträgers H. R. Giger wurde als Posterbeilage zur LP "Frankenchrist" der US-Punk-Band "The Dead Kennedys" 1986 nicht nur in Deutschland indiziert, sondern führte in den USA zu einem Strafprozess gegen den Bandleader Jello Biafra wegen Pornographie.

Erst nach jahrelangen kostspieligen Prozessen wurde er von der Anklage freigesprochen. In Deutschland ist das Poster weiterhin indiziert.

"Kunst ist frei" Grafik von Roland Seim "Die Kunst ist frei" (Grafik: Roland Seim)

Der Taschen Verlag überbalkte in der zweiten Auflage seiner Monographie über den US-Künstler Jeff Koons gut ein Dutzend der private parts in der Serie "Made in Heaven" 1990 mit seiner damaligen Frau Ilona Staller (Cicciolina), angeblich, da das Buch auch für den asiatischen Markt gedacht sei, wo die Darstellung von Schamhaar problematisch sei. Im Impressum steht dann schlicht: "Die Seiten 128 usw. mußten aus Zensurgründen teilweise geschwärzt werden. Die Originalgemälde weisen diese Balken nicht auf."

Als jüngsten Fall eines Ausstellungsverbotes sei "Black Low" von Bjarne Melgaard im Museum MARTa (Herford) im Sommer letzten Jahres erwähnt. Erst nach einem Rechtsgutachten von Prof. Raue genehmigte die Stadt die Ausstellung (Einlass "ab 16" Jahren), die u.a. gewalthaltige Szenen aus dem Internet zeigte. Der Künstler weigerte sich aber, die erst halb aufgebaute Schau fertig zu stellen, so dass die Dokumentation der Zensurmaßnahmen ein Teil der Ausstellung wurde. Gleichwohl stellte die Bundesprüfstelle (hier ein Artikel der "Neuen Westfälischen") am 31.8.2002 den im Kerber Verlag erschienenen Ausstellungskatalog auf den Index, wo er sich noch heute befindet.

Im Grenzbereich zwischen Kunst, Theater und Werbung bewegt sich der Fall dieses als blasphemisch kritisierten Plakates zur Aufführung des Stückes "Fegefeuer in Ingolstadt", das am 25.01.2005 Premiere im Volkstheater München hat.

Allerdings wird das Stück ohne Werbung durch dieses Plakat auskommen müssen, da katholische Kreise im Dezember 2004 erwirkten, dass es zurückgezogen wurde. Bürgermeister Ude begrüßte diesen Schritt, da es das religiöse Empfinden weiter Bevölkerungskreise verletze.

Dabei basiert das Poster auf einem bereits früher in München gezeigten "Gekreuzigten Frosch" aus dem Jahr 1990 des 1997 gestorbenen Künstlers Martin Kippenberger. Weitere Informationen bei stern.

Noch im August 2008 regte sich der Vatikan über dieses Motiv auf. Es verletze "die religiösen Gefühle vieler Menschen" (SZ, 29.8. und 2.9.2008).

Münchner Volkstheater

Vor allem seit den Anschlägen des 11. September und dem mehr oder weniger schwelenden "Clash of Civilisations" zwischen Okzident und Orient hat es Kunst schwer, wenn sie sich mit kulturellen oder religiösen Symbolen des Islam befasst bzw. diesbezügliche Assoziationen weckt. So wurde z.B. die Arbeit "Schwarzer Kubus" von Gregor Schneider 2005 auf der Biennale in Venedig nicht realisiert, da sie an die Kaaba in Mekka erinnern würde. Nach einem Machtwort des Direktors der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Peter-Klaus Schuster, wurde die Realisierung dieser Installation vor dem Museum Hamburger Bahnhof auch Anfang 2006 in Berlin ein Opfer der Angst vor möglichen Anschlägen oder Irritationen. Blasphemie ist ohnehin ein heikles Thema (siehe die Kompilation wichtiger Fälle unter diepresse.com).

  In der Hauptstadt scheinen die Nerven besonders blank zu liegen, wenn es um gefühlte Bedrohung durch islamistische Extremisten geht. Anders lässt sich die Absetzung der modernen Interpretation der Mozart-Oper "Idomeneo" an der Deutschen Oper im September 2006 nicht erklären. Anlass für die Besorgnis war der abgeschlagene Kopf Mohammeds in der Schlussszene und ein eher allgemeiner Gefahrenhinweis durch Berliner Sicherheitsbehörden, die nach einer Mitteilung einer besorgten Besucherin herausgegeben wurde. Diese Art von Selbstzensur und vorauseilender Entschärfung wurde kontrovers diskutiert: Darf sich eine Kulturnation das gefallen lassen? Wo sind die Grenzen der Kunstfreiheit?

7) Werbung:

Sex sells: Über die Grenzen des Anstandes in der Werbung wacht u.a. der Deutsche Werberat. Wenn er öffentliche Rügen ausspricht, ändern die Firmen meistens ihre Kampagnen oder ziehen die Plakate zurück. In jüngster Zeit ist die Anzahl der von Bürgern eingereichten Beschwerden stark gestiegen (siehe SPIEGEL), was angesichts von groblustigen "Geiz ist geil" und "Lass dich nicht verarschen"-Slogans wenig verwundert.

Daneben kann Reklame aber auch - wie im Fall des italienischen Bekleidungsherstellers Benneton - zu höchstrichterlichen Verboten führen. Z. B. das Motiv eines Hintern, auf dem ein Stempel "HIV-Positive" zu sehen ist, wurde in den 1990er Jahren vom Bundesgerichtshof (BGH) als sog. Schockwerbung, die gegen die Menschenwürde verstoße, verboten. Der Rechtsstreit wogte zehn Jahre höchstinstanzlich hin und her. Im März 2003 hob das Bundesverfassungsgericht das BGH-Verbot wieder auf (vgl. SZ, 26.3.2003: "Schock und Respekt").

"Schlüpferstürmer"-Etikett Das gleiche Gericht untersagte Anfang der 1990er Jahre auch die comicartigen Etiketten der Schnapsfläschchen "Busengrapscher" und "Schlüpferstürmer", da sie frauenfeindlich seien und suggerierten, daß der Genuss dieser Alkoholika die Damen willfährig mache, was zudem ein Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht darstellt, nicht zuletzt, da es nicht stimmt.

Ich empfehle Ihnen, die Urteilsbegründung des BGH zu lesen (auch in "Ab 18" - Band 2). Eindrucksvolle Beamtenprosa!

Was zu viel ist, ist zu viel, denken sich die Wächter des guten Geschmacks, und mahnen allzu affirmative Blickfänge ab.

 

Neben der Möglichkeit von Rügen durch den Deutschen Werberates etwa bei sexistischen, voyeuristischen oder menschenverachtenden Kampagnen, kann sich auch die Deutsche Städtereklame weigern, Plakate zu kleben. Öffentlicher Protest vermag gelegentlich zwar den PR-Effekt erhöhen, kann aber auch zu einem Negativimage führen.

So zog Media-Markt 2002 nach massiven Protesten seine Werbeposter mit diesem Motiv einer dreibrüstigen Frau unter dem Slogan "Mehr drin, als man glaubt" wieder zurück.

Auch wenn in der altbabylonischen Mythologie vielbrüstige Damen als Kult-Symbole für Fruchtbarkeit galten, so sehen Kritiker in solchen Motiven eine immer weiter um sich greifende Erotisierung der Öffentlichung und eine Enttabuisierung der Gesellschaft. Nicht nur besorgte Sittenwächter möchten dem zeitgenössischen Konsumenten einen solchen Anblick dann doch lieber nicht zumuten.

Auch Parteienwerbung kann Konflikte mit sich bringen. Ich erinnere nur an die gewollt provokanten FDP-Kampagnen zu Zeiten von Jürgen Möllemann, der mit Hitler in den Wahlkampf ziehen wollte. Auf Protest auch aus den eigenen Reihen wurde das Motiv entschärft und u.a. von den Grünen persifliert.

Obwohl sie sich als Personen der Zeitgeschichte mehr gefallen lassen müssen, haben auch Minister Persönlichkeitsrechte: So reichte Hans E. eine Unterlassungsklage gegen die Fiat-Werbung ein, die sein Gesicht mit dem Slogan "Bei Fiat geht Ihr Etat nicht für Zinsen drauf" zeigte (SZ, 15.1.2003). Auch vergleichende Werbung kann in Deutschland zu Ärger führen. So verbot ein Münchner Gericht dem Möbelhaus "Kare" Ende April 2003, mit dem Slogan "Schraubst Du noch, oder wohnst Du schon?" den Marktführerer Ikea und dessen Werbespruch "Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?" zu persiflieren.

In Mailand verbotenes Werbeposter

Auch in anderen europäischen Ländern kann Werbung zu Ärger führen, wie dieses aktuelle Beispiel aus Italien zeigt. Das Werbeposter des französischen Modehauses Girbaud (Abb. li. aus: Süddeutsche Zeitung, 12.2.2005) in Anlehnung an Leonardos Fresko "Das letzte Abendmahl" erregte im von Berlusconi dominierten Mailand so großen Protest, dass die Stadt es im Februar 2005 verbot, "weil es die Grundlagen des christlichen Glaubens berührt". Als besonders anstößig wurde empfunden, dass die "Christus"-Figur ebenso wie die "Apostel" weiblich sind, und die einzige männliche Figur einen nackten Rücken zeigt.

Ähnlichen Unmut erregte in Deutschland übrigens schon in den 1990er Jahren eine ähnlich gelagerte Jeans-Werbung von Otto Kern (siehe "Ab 18" - Band 1).

In Schweden wurde im April 2006 eine Slip-Werbekampagne mit dem halbnackten Fußballer Ljungberg und einem ebenfalls spärlich bekleideten Model als "sexistisch" von den Werbeflächen Stockholms verbannt (siehe SPIEGEL).

"Die Welt zu Gast bei Freundinnen"

Auch die Abwandlung des bekannten WM-Mottos durch ein Kölner Bordell in "Die Welt zu Gast bei Freundinnen" (Abb. li.) sorgte im Frühjahr 2006 für Ärger, allerdings nicht mit der FIFA, sondern mit Moslems, da auf dem Plakat u.a. alle 32 Flaggen der an der Fußball-WM teilnehmenden Länder zu sehen waren. Anstoß erregten die der islamischen Länder Iran und Saudi-Arabien.

Um weiteres Ungemach zu verhindern, schwärzten die Betreiber die fraglichen Fahnen (siehe SPIEGEL).

8) Neue Medien - Computerspiele und Internet:

Der rasant wachsende Markt der neuen Medien stellt die Ordnungshüter vor große Probleme. Bis Gesetze und technische Ausrüstung der Strafverfolgungsbehörden auf dem neuesten Stand sind, kann ein quasi rechtsfreier Raum herrschen.
Ähnlich den Videos lassen sich Computerspiele, die wegen ihrer realistischen Animationen und der Interaktivität eine große Faszination gerade auf Jugendliche ausüben, leicht kopieren und tauschen. Gerne wird darauf hingewiesen, das viele der jugendlichen Amokläufer z.B. in Littleton und Erfurt Fans solcher Spiele wie "Counterstrike" oder "Doom" gewesen seien. Die Einübung in mediale Gewaltanwendung könne bei prädisponierten Personen die Hemmschwelle für reale Übergriffe senken. Vertreter der gegenteiligen Katharsis-Theorie plädieren, in einer Gesellschaft, die das Gewalt-Monopol für sich beansprucht und dem einzelnen kaum Abreaktionsmöglichkeiten biete, könnten solche Spiele "in effigie" als Ventil für menschliche Aggressionen dienen. Angesichts der Millionen von verhaltensunauffälligen Spieler fällt es allerdings schwer, einen monokausalen Zusammenhang zwischen bösen Bildern und bösen Menschen zu konstruieren.

"Mortal Kombat"-Szene Return to Castle Wolfenstein PC-Game-Szene

Gleichwohl befinden sich derzeit über 420 Video- und Computerspiele auf dem Index (z.B. "Doom","Quake" und "Castle Wolfenstein", oben mitte); rund ein Dutzend ist verboten, u.a. "Mortal Kombat" (oben links), "Manhunt" und "Manhunt 2", "Condemned 1&2" und "Soldier of Fortune: Payback".

Durch das neue Jugendschutzgesetz sind ab dem 1. April 2003 die USK-Freigabelevels für den Handel bindend. "Ab 18" freigegebene Spiele können nun nicht mehr indiziert werden. Andererseits ist umstritten, ob diese Warnhinweise nicht regelrechte Kaufanreize vor allem für Minderjährige darstellen (siehe SPIEGEL). In den USA, wo das Verursacherprinzip schon manchen Hersteller von Alltagsgegenständen in den Ruin getrieben hat, versuchen Anwälte immer mal wieder, die Spiele-Industrie zu verklagen, indem sie Zusammenhänge zwischen Straftaten und Spielen herzustellen versuchen (siehe SPIEGEL). Das "Grand Theft Auto"-Spiel soll jetzt - nicht wegen der heftigen Gewalt, sondern - wegen der Einstellmöglichkeit von angeblich expliziten Sex-Szenen zensiert werden bzw. erst "ab 18" verkäuflich sein, was bedeuten würde, dass große Ladenketten wie WalMart das Game nicht mehr verkaufen (siehe SPIEGEL, und aktuell zu "San Andreas" SPIEGEL). Auf der einen Seite schickte Gouverneur Schwarzenegger Stanley "Tookie" Williams in den Tod, auf der anderen Seite unterzeichnete er ein Gesetz, das in Kalifornien den Verkauf brutaler PC-Spiele an Kinder verbietet (siehe SPIEGEL). Auch die neue Regierung in Deutschland fordert in ihrem Koalitionsvertrag ein Verbot brutaler Spiele (siehe SPIEGEL). 2007 plant die EU eine einheitliche Verbotsliste, die online gestellt werden soll (SPIEGEL).

"Comman&Conquer: Generals"

Per Eilantrag von Familienministerin Renate Schmidt indizierte die Bundesprüfstelle am 29.3.2003 das Computerspiel "Command & Conquer: Generals"
(Abb. oben; Quelle: SZ, 1.4.2003).
Eine nahe liegende Begründung könnte lauten, dass Kinder durch Abstumpfung bei virtueller Grausamkeit die Empathiefähigkeit gegenüber realer verlieren könnten. Auch Websites können wegen indizierter Spiele selbst indiziert werden (gamezone, pdf der Indizierungsbegründung der BPjM).

Das Grauen des Krieges

Scheinen reale Kriege mit echten Toten im wirklichen Leben (siehe oben das Reuters-Foto mit einem irakischen Kriegs-Opfer in der SZ vom 7.4.2003) sowie die fragwürdige "Militainment"-Berichterstattung darüber offenbar kein Problem für minderjährige Gemütszustände zu sein, so fürchten sich Berufsbesorgte mehr um das Seelenheil der Halbwüchsigen, die sich an animierten Pixeln auslassen. Dabei liegt nahe, dass tatsächliche Grausamkeit nachhaltigere Irritationen hervorrufen dürfte, als gestellte in Filmen oder Computerspielen, solange man zwischen Realität und Fiction unterscheiden kann.

"Es gibt kein richtiges Leben im falschen", meinte schon Theodor Wiesengrund Adorno.

Im zumindest ansatzweise herrschaftsfreien Cyberspace können Firmen wie Disney, Ferrero oder die Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling Webseiten untersagen, wenn Fans markenrechtlich geschützte Figuren ins Netz stellen. Seit Mitte der 1990er Jahre ist das Internet zu einem wichtigen Informations- und Präsentationsforum geworden. Anfangs euphorisch als alles verändernde Medium gepriesen, stellte sich rasch Ernüchterung - und nicht nur in ökonomischer Hinsicht - ein. Das virtuelle Reich der Freiheit und Gleichheit eröffnete auch dem mutmaßlichen Missbrauch dieser Freiheit neue Wege. Gerade die weitgehend anarchische Struktur dieser grenz- und gesetzüberschreitenden Kommunikationsform, in dem jeder User zugleich Sender und Empfänger unredigierter Informationen sein kann, ruft das Kontrollbegehren des Staates hervor. Filter werden eingebaut und Verstöße - wie die Verlinkung auf Sexseiten (siehe ein Urteil) oder auf Tipps zum Knacken von Kopierschutzvorrichtungen (siehe SPIEGEL) - geahndet. Inhaltlich stehen vor allem Kinderpornographie, Faschismus, Extremismus und Gewaltverherrlichung im Brennpunkt.

Aber seien wir mal ehrlich: Eine Story etwa über die Vorzüge reibungslosen Online-Bankings oder neue Formulare im "virtuellen Rathaus" bringt deutlich weniger Quote als ein Bericht über Sex und Gewalt im Netz. Machen wir uns nichts vor: Bad news are good news. So perpetuieren nicht zuletzt die Medien selber das Schreckbild vom Internet als Reich des Bösen, als Hort perverser Kinderschänder, Nazis, Terroristen, Extremisten, Kannibalisten, Bombenbastler und sonstiger Freaks. Dabei darf man aber nicht verkennen, dass auch das Internet nur so gut respektive schlecht ist, wie die Menschen sind, die es füttern. Ein Spiegel der Gesellschaft. An der Fratze ändert es nichts, ihn zu blenden.

Das Hautgout eines Schmuddelmediums erleichtert zensorische Eingriffe und z.B. das Telekommunikationsdienste- Überwachungsgesetz. Zwar haben es Sheriffs auf dem "Data-Highway" schwer, denn wegen seiner dezentralen Struktur läßt es sich kaum regulieren. Mittlerweile ist die Anarchie im Internet aber vorbei, die Claims sind abgesteckt. Durch das "Multimedia-Gesetz" sind Provider verpflichtet, den Jugendschutz zu berücksichtigen. Zudem surfen Polizei, die Initiative jugendschutz.net und Staatsanwaltschaften durchs Netz. Meist reicht eine Strafandrohung aus, um unliebsame deutsche Contents aus dem Netz zu bannen. So wurde das Filmportal "www.schnittberichte.de" aus Jugendschutzgründen behördlich geschlossen. Ob die Indizierung von Online-Angeboten aber sinnvoll ist, sei wegen der Globalisierung der Datenströme und des unerwünschten Werbeeffektes dahin gestellt. Mittlerweile steht ein Relaunch im Netz, der von Österreich aus bearbeitet und aktualisiert wird: www.schnittberichte.com

Das Problem von Internet und Jugendschutz ist immer virulent (siehe aktuell z.B. Spiegel). Eine diskutable Möglichkeit, Minderjährige vor ungeeigneten Inhalten zu schützen, stellt das "Rating"- Verfahren dar: Die Anbieter verpflichten sich, ihre Seiten nach speziellen Kriterien (wieviel Sex, Gewalt oder "bad language" sie beinhalten) mit einer Altersfreigabe zu versehen. Filterprogramme wie z.B. ICRA oder CyberPatrol erlauben dann nur den Zugriff auf entsprechend freigegebene Seiten. Schwierig ist aber ein globaler Konsens.

Eine Schlüsselrolle kommt den Suchmaschinen zu, denn wer dort nicht gefunden wird, existiert praktisch nicht im WWW. Wenn Regierungen Druck z.B. auf Google ausüben, bestimmte Online-Angebote nicht zu listen, dann weist dies zensorische Züge auf. Es wundert wenig, dass etwa China schon den Zugang zum Internet unterbindet bzw. streng reglementiert, und Betreibern, die missliebige z.B. regierungskritische Inhalte ins Netz stellen, verhaften lässt (vgl. SZ, 20.5.2003: "China verurteilt Ingenieur wegen kritischer Website"). Die Diktatur verkündete nun ein Gesetz, nachdem nur noch "gesunde", d.h. staatsdienliche Nachrichten online veröffentlicht werden dürfen (siehe Spiegel). Aber dass auch Firmen wie Yahoo solche fragwürdigen Praktiken unterstützt (siehe Spiegel) oder dass in Deutschland zahlreiche Websites (vor allem wegen rechtsideologischer Inhalte wie die von G. Lauck, siehe Spiegel, vor allem, wenn sie hoheitsrechtliche Bezeichnungen in der URL führt, siehe Spiegel) nicht gelistet werden, erscheint bedenklich. Die neue Initiative der Suchmaschinenenbetreiber unter dem Dach der Freiwiligen Selbstkontrolle der Multimedia-Diensteanbieter FSM, indizierte oder sonstig unerwünschte Websites aus den Trefferlisten heraus zu filtern, weist bedenkliche Züge einer Online-Zensur auf. Die rechtlichen Gründe der Entfernung listet ChillingEffects.org auf. Andererseits mutet das in einigen Fällen verständlich an, da sich die Zahl rechtsextremer Homepages seit 1999 verdreifacht hätte, wie das Bundesfamilienministerin mitteilte. (Siehe dazu Spiegel. Zur Online-Zensur Spiegel und jugendschutz.net). Allerdings ist die Steigerungsrate deutlich niedriger als die der restlichen Menge an neuen Websites. Fraglich ist zudem, ob sich gesellschaftlich unerwünschte Entwicklungen durch solche Maßnahmen regulieren lassen, ohne demokratische Prinzipien der Informations- und Meinungsfreiheit zu untergraben. Die Zentralstelle jugendschutz.net beanstandete 2005 insg. 1.949 in- und ausländische Internetangebote (2004: 1.744) wegen gewaltverherrlichender, pornographischer oder rechtsextemer Inhalte. Bei rund 2/3 wurden die Verstöße vom Anbieter beseitigt oder geändert; in 183 Fällen die KJM zwecks Einleitung von Strafmaßnahmen eingeschaltet. Diese Kommission für Jugenschutz hat die Möglichkeit, Sperrungen von Seiten zu verfügen und Bußgelder bis zu EUR 500.000 zu verhängen.

Eine neue Qualität zeigte die Anordnung des Düsseldorfer Regierungspräsidenten Jürgen Büssow, der Ende 2001 insg. 78 nordrhein-westfälische Provider anwies, den Zugang zu einigen rechtsradikalen Websites zu sperren. 38 Provider legten Widerspruch gegen die Sperrverfügung ein. Das Verwaltungsgericht Düsseldorf hat die Rechtmäßigkeit dieser Anordnung unlängst bestätigt. Auch Verlinkungen können strafbar sein, selbst wenn sie dokumentarisch sind (heute.de und tp).
Die "Electronic Frontier Foundation" engagiert sich schon seit Jahren mit ihrer "Blue Ribbon Campaign" gegen Zensur im Internet (re.). "Reporter ohne Grenzen" nennt 2011 die 10 Feinde des Internet (Pressetext).
Blue Ribbon Campaign

Microsoft teilte mit, dass der Konzern im Oktober 2003 aus Jugendschutzgründen seine Chatrooms schließen werde, um den Missbrauch durch Kinderpornographen, Spammer und andere zweifelhaften User zu unterbinden. Und eBay beendet einfach alle Auktionen, die gegen deren Geschäftsbedingungen und/oder Gesetze verstoßen.

Die für August 2005 geplante Einführung der "xxx"-Top-Level-Domain für Erotik-Sites (siehe SPIEGEL) wurde erst einmal verschoben, da konservative Bedenkenträger eine Überflutung mit Pornographie befürchten. Befürworter plädieren u.a., anhand der eindeutigen Endung könnten Filterprogramme diese Inhalte viel besser blocken. Die USA wollen ein umstrittenes Antipornogesetz für das Internet einführen (siehe SPIEGEL). Dabei war schon immer klar, dass das Internet vor allem durch Pornographie funktioniert (siehe SPIEGEL).

Seit Ende 2015 kann man unter der neuen Fehlermeldung "451 Unavailable For Legal Reasons" (ein Sonderfall von "403 Forbidden") nach solchen Fällen suchen.

Andere Länder - andere Sitten:

Die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" der Vereinten Nationen gilt leider oftmals nur auf dem Papier, auch wenn die UNO im Juni 2006 den Menschenrechtsrat ins Leben rief, und damit die umstrittene Menschenrechts-Kommission ersetzte.

Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Empfindlichkeiten, die den Einsatz zensorischer Maßnahmen rechtfertigen sollen, die sich zumeist als Manipulation und Desinformation - aber eher selten in Form von erkennbaren weißen bzw. geschwärzten Druckseiten - geriert. In repressiven, diktatorischen, totalitären oder fundamentalislamistischen Staaten wie etwa Saudi-Arabien, China (wo der Internet-Zugang reglementiert ist und z.B. selbst Hillary Rodham Clintons Biographie zensiert wurde), Nordkorea, Usbekistan, Turkmenistan, Iran, Nigeria, Kongo, Kuba und Weißrussland können unerwünschte Äußerungen strenge Strafen - vom Publikationsverbot über Inhaftierung bis hin zur Ermordung - nach sich ziehen. Die Unterdrückung von Andersdenkenden, politischen, ethnischen oder religiösen Minderheiten - wie z.B. den Kurden in der Türkei und im Irak - ist vor allem auch in vielen islamischen Staaten häufig zu beobachten, wenn sich das bestehende Normen- und Herrschaftssystem angegriffen fühlt. Selbst "Matrix - Reloaded" wurde in Ägypten wegen der Auffassung von der Schöpfung der Welt und Gewaltdarstellungen verboten. Und Karikaturen über Mohammad in einer dänischen Zeitung, die von anderen Blättern abgedruckt wurden, führten zu internationalen Protesten von Islamisten (siehe SPIEGEL) und Entlassungen von Journalisten (siehe SPIEGEL). Das "Writers in Prison Committee"/PEN berichtet, dass allein 2002 in der Türkei 77 Bücher verboten wurden, vor allem wegen regierungskritischer Äußerungen oder weil sie als "kommunistisch" verdächtig waren. Als "untürkische" Agitation gilt selbst das Erwähnen des Massakers an Armeniern zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Die türkische Justiz verklagt immer mehr Autoren, Journalisten, Professoren usw. (siehe SPIEGEL). Selbst der berühmte Schriftsteller Orhan Pamuk sollte wegen dieses Deliktes angeklagt werden. Wohl auch im Hinblick auf die EU-Beitrittsverhandlungen verzichtete Ankara allerdings auf einen Prozess. Die türkische Regierung verbannte "Winnie the Pooh" aus dem Fernsehen, da zu oft ein Ferkel darin vorkäme (SPIEGEL). 2006 wurde selbst ein Schulbuch aus dem Verkehr gezogen, da es Delacroix' Revolutionsgemälde "Die Freiheit führt das Volk an" enthielt. Die barbusige Dame war den Sittenwächtern nicht geheuer (SPIEGEL). Und im Iran ist den TV- und Radiosendern seit Ende 2005 sogar untersagt, westliche Musik auszustrahlen, da sie "dekadent" sei (siehe SPIEGEL). Außerdem sperrte Teheran die BBC-Site (siehe tecchannel.de).

Nähere Informationen bei PEN und bei IFEX (International Freedom of Expression eXchange, Canada).

Stalin-Retusche

In Diktaturen war und ist manipulierte Bildpropaganda gang und gäbe, wie dieses Beispiel von Stalin im Kreis von Molotow u.a. zeigt. Der auf dem rechten Foto "ausradierte" Volkskommissar Jeschow wurde auch im richtigen Leben liquidiert.

Abb. aus SZ, 7.1.1999 (dort aus dem Katalog "Stalins Retuschen", Berlin 1999).

Aber auch in demokratischen Rechtsstaaten gibt es Animositäten. So verwahrte sich die Schweiz Mitte Dezember 2002 gegen das Buchcover von "Imperfect Justice" des amerikanischen Autors Eizenstat, da auf dem Umschlag ein Hakenkreuz aus Goldbarren über der Schweizer Nationalfahne zu sehen ist. Rechtliche Schritte gegen diese Veröffentlichung über das Nazi-Raubgold und die Eidgenossen wurden geprüft, aber meines Wissens nicht eingeleitet. Einige Kantone übernehmen auch die deutschen Indizierungs- und Verbotslisten. Überdies sperren sie gelegentlich unbequeme Websites wie etwa www.blutgeil.com der anarchischen Filmemacher von S.S.I. Media in Zürich.

Bürgerechtsorganisationen wie "Reporter ohne Grenzen" (www.rsf.org) veröffentlichen zur internationalen Pressefreiheit Länderrankings. Beim Ranking (2003) schnitt Deutschland mit einem Platz unter den ersten acht bzw. (da punktgleich) fünf Ländern noch recht gut ab. 2006 reichte es nur für Platz 23 (SPIEGEL), in 2007 und 2008 für Platz 20 (siehe reporter-ohne-grenzen.de), 2009 auf Platz 18 und 2014 auf Platz 14 von 180 Ländern (siehe www.rsf.org). Wie nicht anders zu erwarten, belegen Finnland und einige andere skandinavische Staaten, die Niederlande und Belgien die ersten Ränge. Weit abgeschlagen auf Platz 40 fand sich 2003 übrigens Italien, was auf die fragwürdige Politik Berlusconis zurück zu führen war. Der mittlerweile abgewählte Medien-Mogul und Milliardär hatte eine Reihe von selbstzweckdienlichen Gesetzen verabschiedet, die die Meinungsfreiheit massiv einschränkten. Autoren Berlusconi-kritischer Veröffentlichungen sollten mit Straf- und Zivilprozessen oft in Millionenhöhe mundtot gemacht werden; TV-Redakteure abgesetzt, wenn sie nicht linientreu waren. Zum "Tag der Pressefreiheit" am 3.5. siehe SPIEGEL.

Im prüden Amerika (wo manche Staaten des "Bible Belt" sogar Oral- und Analverkehr zwischen Eheleuten verbieten und die Evolution in Frage stellen) ist z.B. die Verbreitung der "Auschwitz-Lüge" oder anderer neonazistischer Pamphlete (außer wenn es sich um so genannte "hate speech" handelt) ebenso durch die Meinungsfreiheit des "First Amendment" gedeckt, wie exzessive Gewaltdarstellungen, während Erotik dort strenger geahndet wird. Spätestens seit dem "Nipple-Gate" um Janet Jacksons entblößte Brust bei der Superbowl-Übertragung 2004 greift Prüderie immer mehr um sich (siehe SPIEGEL), wenn z.B. US-Fernsehstationen leichte Zeitverzögerungen bei Live-Übertragungen einbauen, um ggf. bei moralisch Bedenklichem einschreiten zu können. Die USA als "Land of the Free", "Home of the Brave" - eigentlich traditionell ein Hort der Äußerungsfreiheit - haben durch Bush Jr. und nach dem 11. September mit dem "USA Patriot Act" gravierende Eingriffe in die Bürgerrechte durchgesetzt und planen etwa mit dem "Total Information Awareness Project" und dem "Partiot Act II" u.a. die Generalüberwachung des Datenverkehrs. Schon jetzt sollen selbst Käufer oder Ausleiher von verdächtigen Büchern an die Polizei gemeldet werden. Mittlerweile gibt es - wie zur McCarthy-Ära - wieder "Black Lists", auf denen Personen stehen, die sich angeblich "unamerikanische", "unpatriotische" oder "liberale" Äußerungen zu Schulden kommen ließen. So boykottierten viele Radiostationen die Songs der texanischen Country-Band "The Dixie Chicks", da sich die Musikerinnen dafür schämten, aus dem gleichen Bundesstaat zu kommen, wie Bush. Seitdem kam es zu Morddrohungen und Boykott-Aufrufen. Sie stehen ebenso auf der Schwarzen Liste wie Bruce Springsteen, der sie in ihrem Grundrecht auf freie Meinungsäußerng unterstützte. Die SZ vom 26.4.2003 berichtet von einer Website namens www.celiberal.com, auf der unbequeme Künstler wie Susan Sarandon, Michael Moore oder George Clooney gelistet werden. Auch und gerade in Schulen werden Bibliotheken um unliebsame Bücher "gesäubert" (SPIEGEL) und Internet-Zugänge entspr. kindgerecht konfiguriert.

  Wohl aus Pietätsgründen - aber auch, weil solche PC-Spiele Terroristen als 'Trainingsmöglichkeit' dienen könnten - entfernte Microsoft die Darstellung des World Trade Centers + Flugzeug aus allen "Post-9.11."-Versionen seines Flugsimulator-Computerspiels (Abb. aus: SZ, 25.9.2001).

Freimut Duve berichtet in seinem FR-Artikel "Das Ende der Vielfalt" (21.10.2001) von gefeuerten Journalisten, die es gewagt hatten, Bushs Politik zu kritisieren. Der "Marketplace of Ideas" ist in Gefahr zum Sklavenmarkt der Staatsräson zu verkommen. Ein ähnlich vernichtendes Urteil über die Entwicklung im "Bush-Land" fällt Bob Woodward in seinem neuen Buch (SPIEGEL). Es gab aber auch schon vorher viele Interessengruppen wie die "Moral Majority", die u.a. gegen Sex im Fernsehen agitierten. So vertreibt eine Organisation namens "CleanFlicks" familientauglich gekürzte Hollywoodstreifen, aus denen alle angeblichen Sex-/Gewaltszenen herausgeschnitten sind. Im Gegenzug verklagten Produktionsfirmen die Moralapostel wegen Urheberrechtsverletzungen. Im Sommer 2006 untersagte ein US-Gericht diese Form der Filmzensur (SPIEGEL). Selbst "F-Words" werden zensiert (siehe SPIEGEL). Salman Rushdie betont im SPIEGEL das subversive Potenzial von nackter Haut: "In vielen Ländern versuchen die Machthaber, Pornografie zu unterdrücken - und machen Sexfilme zu Ikonen der Freiheit."

Richtig lebensbedrohlich sind allerdings die Bedingungen in fundemantalistischen und auch in östlichen Gegenden, wie die Ermordung zweier deutscher Journalisten in Afghanistan (SPIEGEL) und der regimekritischen Journalistin Anna Politkowskaja Anfang Oktober 2006 in Russland verdeutlicht (SPIEGEL).


Resümee und Ausblick:

"Wenn man sämtliche Tabus zerstört und den Menschen alles erlaubt, nimmt man ihnen eine der wenigen Freuden, die sie auf Erden noch haben: die Übertretung von Verboten." (Donald Prick)

Im Grunde ist jede Zensur politisch und ein Spiegel der Gesellschaft, da Verbote mehr über ihren Zustand sagen, als das, was erlaubt ist. Doch: wer bewacht die Wächter? Gilt die Meinungsfreiheit auch für ihre Gegner?

Einfach darf man es sich nicht machen. Filter und Tabus haben ihre Berechtigung. Verbote schaffen Orientierung und sind nicht zuletzt ein Instrument der kulturellen Differenzierung, der feinen Unterschiede zwischen "erlaubt" und "nicht erlaubt". Die Verletzung von Verboten verschafft Erkenntnisgewinn. Sie müssen aber verhältnismäßig sein und können eine Erziehung zur Medienkompetenz nicht ersetzen, denn Normen strukturieren die Unübersichtlichkeit des Lebens. George Bernhard Shaw meinte: "Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit; das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten."

 

Dass es üble Fakes von vielen Promis gibt, ist bekannt und ohne besonderen Nachrichtenwert. Bedenklich ist aber, dass sich Boulevard-Zeitschriften in scheinheiliger Entrüstung mit langen Fotostrecken diesem Thema widmen, dabei aber genau auf den Marktwert dieser Eye-catcher spekulieren.
Das "Caroline"-Urteil (siehe Spiegel und aktuell SPIEGEL) könnte aber auch eine Art Zensur bedeuten.

Journalismus ist ein System zur Selbstbeobachtung der Gesellschaft. Nun ist die Pressefreiheit ein hohes Gut, dass sorgfältig gewahrt werden muss. Dies bedeutet aber nicht, dass alles möglich sein sollte. Gerade die journalistische Ethik ist aufgerufen, Berichte über solch dreisten Fakes wie diese Collage auf dem Cover der Zeitschrift "Woche der Frau" (15.5.2000) zu unterlassen. Hier wird nicht nur an den Voyeurismus des Lesers appelliert, der durch Zensurbalken noch zusätzlich angeheizt wird, sondern auch noch mit gekünstelter Entrüstung kokettiert, wenn es auf dem Titelblatt heißt "Prinzessin Victoria: Nackt-Fotos erschüttern das Königshaus" und im Text dann von "gemeinen und widerlichen Montagen" geschwätzt wird, wobei diese aber breit ausgewalzt werden. "Die Urheber der Fotos kennen keine Scham", steht im Text - und die Profitsucht der Redakteure offensichtlich auch nicht. Das schwedische Königshaus klagte gegen derlei Unwahrheiten (NZZ, 8.11.2003, S. 43).

Gefälschte Nacktbilder von Prominenten oder Medienstars sind im Internet weit verbreitet. Moderne Bildbearbeitungsprogramme wie Photoshop machen es den Fälschern einfach, bekannte Köpfe auf unbekleidete anonyme Körper zu montieren.

 

 

 

Kehren wir nun aber wieder zurück zum eigentlichen Thema. Kienzle und Mende meinten 1980 in ihrem Buch "Zensur in der BRD", letztlich sei jeder Mensch und jede Behörde bei unliebsamen Äußerungen auf dem Sprung zum Zensor, wie etwa die zahlreichen Unterlassungsklagen wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten belegen. Durch das neue JuSchG sind über 100.000 Institutionen "anregungsberechtigt", d.h. können Indizierungsanträge stellen. (Staatliche) Zensur basiert auf der Annahme, dass erst gesetzliche Regelungen, was gedruckt, gesendet oder ins Netz gestellt werden darf, uns vor unserer eigenen niederen Natur bewahren, vor der Konfrontation mit den Urtrieben wie Angst, Lust, Ekel, Sex und Tod. Insbesondere Minderjährige, die in ihrem Selbst- und Weltbild noch nicht gefestigt sind, gelten als gefährdungsgeneigt.

So will ich den sinnvollen Jugendmedienschutzgedanken nicht in Abrede stellen und meine, dass die Wahrung der Menschenwürde (und mitunter auch der Privatsphäre) durchaus eine Rechtfertigung für Zensur und Verbote darstellt. Ohne Diskussion gehört Kinderpornographie - wenn sie real ist, bei Kunstwerken wie Büchern oder Comics ist das schon schwieriger - verboten. Aber diese abgefilmten oder photographierten Verbrechen an Wehrlosen gehören eh nicht in die Diskussion um Kunst- oder Meinungsfreiheit, die sich nur auf freiwillige und künstlerische Erzeugnisse von Erwachsenen für Erwachsene bezieht.

Gerade neue Medien werden gerne als Verursacher für gesellschaftliche Fehlentwicklungen gebrandmarkt, wenn außergewöhnlich bizarre Verbrechen wie der Amoklauf von Erfurt oder der Kannibalismus-Fall in Hessen passieren. Nach Erfurt wurde der Jugendschutz verschärft, der "Gewaltverherrlichungsparagraph" 131 StGB sollte auf Anweisung der damaligen Justizministerin Däubler-Gmelin verstärkt zum Einsatz kommen. Sie verlor übrigens ihren Ministerposten wegen eines Vergleichs der Politik George W. Bushs mit der von Hitler. Dieses Schicksal teilte 2006 ein amerikanischer Lehrer mit ihr, der wegen eines solchen Vergleiches vom Dienst suspendiert wurde (siehe SPIEGEL). "Eine Zensur findet nicht statt..."?

Eine noch weitere Verschärfung des Jugendschutzes (z.B. durch ein Totalverbot von gewalthaltigen PC-Spielen) lehnte der Bundestag Mitte Januar 2003 indes ab (vgl. SZ, 18.1.2003: "Schutz der Jugend wird nicht weiter verschärft" und "Virtueller Horror").

Zumeist wird die Meinungsfreiheit als etwas Normales hingenommen. Sie ist aber ein stets gefährdetes Gut. Unhinterfragte Kommunikationstabus haben die Eigenschaft, sich zu verselbständigen. Unerwünschtes kann auch verdrängt werden, indem die Medien nicht darüber berichten. So müssen wir der Bundesprüfstelle dankbar sein, dass sie alle Indizierungen und Verbote auflistet.

Warnhinweis Wären wir ohne Zensur nicht um einiges ärmer, müßten wir doch auf die Diskussion um die jeweiligen Grenzen und den Prickel ihrer Überschreitung, wenn uns in untersagtes Medienprodukt in die Finger gerät, verzichten. Nicht zuletzt entfaltet Zensur eher die gegenteilige Wirkung. Die Faszination des Verbotenen bringt raffinierte Umgehungen hervor, die den verfolgten Medien ein Interesse bescheren, das ihnen sonst kaum zuteil geworden wäre. Denn Indices waren schon immer Einkaufslisten für den Giftschrank. Besonders deutlich war dies bei indizierten Websites, auf die der Fan erst durch die Internet-Adresse im Bundesanzeiger, JMS-Report und BPjM-Aktuell aufmerksam wurde.

Ausstellungen wie "Der verbotene Blick" (Österr. Nationalbibliothek 2002) oder "Der "Giftschrank"" (Bayerische Staatsbibliothek 2002) sowie die Zensurbücher meines Verlages verdeutlichen das Verhältnis von Wertewandel, Zeitgeist und Geschmacksurteil, was der Öffentlichkeit zugemutet werden kann und was eliminiert gehört. Z.B. Erotik, die noch vor wenigen Jahrzehnten als unzumutbar galt und nur unter der Ladentheke mit "Verpflichtungsscheinen" an Volljährige abgegeben werden durfte oder verschämt in Privateditionen erhältlich war, findet sich heute an jedem Bahnhofskiosk, im Programm der Privatsender oder im Internet.

Diese Entwicklung wirft Fragen auf: Droht ständig die Gefahr sittlicher Verrohung und moralischer Verwahrlosung durch den Einfluss der Medien? Ist die zunehmende Liberalität günstig oder gefährlich für den ethischen Minimalkonsens einer Gesellschaft? Ist der abgestumpfte Konsument eines postmodernen "anything goes" wirklich freier, oder entzaubern auf Dauer langweilige Tabubrüche nicht auch? Schaffen oder forcieren die Medien Bedürfnisse, oder sind sie nur ein Spiegel der Gesellschaft? Und schließlich der Ausblick in die zukünftige Entwicklung: Wenn wir heute belächeln, was früher in den Giftschrank verbannt wurde - was erwartet uns dann in nächster Zeit? Welche Werte und Tabus werden zur Disposition stehen?

Gleichwohl erscheint das alles im globalen Vergleich oft als Luxusproblem. So schrieb Sonja Zekri in ihrem SZ-Artikel "Freiheit, die wir meinten" (21.12.2002): "Der schärfste Zensor aber ist nach wie vor die Armut: 80% der Weltbevölkerung haben noch nicht einmal Telefon. Telearbeit, Telelearning und Telemedizin bleiben Spielereien einer privilegierten Minderheit." Auch in der medialen Wahrnehmung gibt es Zonen der Unsichtbarkeit. Z.B. treten Kriege oder Epidemien oft dann in den Hintergrund, wenn sie nichts mit der westlichen Welt zu tun haben. Die 3.000 Kinder etwa, die täglich an Malaria sterben, sind kaum eine Nachricht wert, da es in Afrika stattfindet, während über die Lungenkrankheit SARS in Zeiten globalisierter Gefährdungspotzenziale ständig berichtet wird. Die Aufmerksamkeitsspanne hat mit Betroffenheit zu tun. Kultur und Zivilisation haben indes die Aufgabe, Gedächtnis zu sein, die Erinnerung, die Kritik und Skepsis sowie den Schmerz wach zu halten. Viele Mahner wie Yahuda Bauer sehen die zukünftigen Gefahren für die Meinungsfreiheit in der Bedrohung durch radikale Fundamentalisten (vor allem islamistischer Provenienz), die eine Weltherrschaft anstreben, was "the end of the world as we know it" (R.E.M.) bedeuten würde.

Karikatur: "Der Redakteur"

Manipulierte Bilder und verstümmelte Wahrheiten sind nicht nur zensurtypische Phänomene, sondern eine Frage von (Medien-)Macht und Herrschaftsinteressen, die oftmals unbemerkt von der Öffentlichkeit stattfinden. Siehe z. B. die Ausstellung "X für U - Bilder, die lügen".

Schwerer als Indizierungen und Verbote sind Selbstzensur und Vorzensur nachzuweisen, etwa wenn es gilt, Ärger zu vermeiden, die Blattlinie zu wahren oder wichtige Lobbyistengruppen nicht zu verprellen. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten hat es der investigative Journalismus nicht leicht.

Da die Grenzen des in einer Demokratie Hinnehmbaren veränderlich sind, kann es keine endgültigen Ergebnisse geben. Ein Grund mehr vor allem für Journalisten, Autoren und Multiplikatoren, sie aufmerksam zu beobachten.

Abb. aus: H. H. Houben: Polizei und Zensur, 1926

Um auf den fragenden Titel meines Vortrages zu antworten: Eine Zensur findet tatsächlich nicht statt - sondern viele.
Zu Recht oder zu Unrecht?

Heinrich Heine meinte: "Die Freiheit der Meinung setzt voraus, dass man eine hat."

© 2003/2015 Dr. Roland Seim M.A.
Kunsthistoriker und Soziologe

Dieser Text basiert u.a. auf seinen Vorträgen vor der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung am 18.01. und 26.09.2003. Der Beitrag darf nicht ohne Quellenangabe und Mitteilung an den Autor verwendet werden (siehe Telepolis).

www.zensur.org
www.rolandseim.de

www.zensur-archiv.de
www.zensurmuseum.de

P.E.N.-Zentrum: "Für die Freiheit des Wortes" Der "Giftschrank"
P.E.N.: 15. November: "Writers in Prison Day"
3. Mai: "Welttag der Pressefreiheit" www.rsf.org www.unesco.de
"Der Giftschrank"


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Seim, Roland: Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen, Diss. phil., Münster 1997

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Suffert, Anne: Rechts- und Verfassungsmäßigkeit Freiwilliger Selbstkontrolle bei Film und Fernsehen unter besonderer Beachtung des Zensurverbotes, Diss. jur., Jena 2002

Wehrli, Reto: Verteufelter Heavy Metal, Münster 2005 (2. Aufl.)

 

Die renommierte Fachzeitschrift "journalist" hat den ursprünglichen Vortrag als pdf auf ihrer Website dokumentiert: www.journalist.de

 

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