Interview von Fabian Paffendorf mit Roland Seim
für die "Lüdenscheider Nachrichten"
9.12.2005

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Lüdenscheider Nachrichten
Das vollständige Interview stand im Weblog von Fabian Paffendorf
und ist bei Medialog e.V. zu lesen:
So, jetzt gibt's exklusiv hier das ungekürzte Interview mit dem Soziologen und Kulturhistoriker Dr. Roland Seim. In einer kürzeren Form, bei der es generell um Videospielzensur und Verbote geht, findet es sich auch auf der "Jungen Seite" des MZV. Hier aber mal die komplette Version:


1. Was glauben Sie, inwiefern das Verbot der so genannten Killerspiele sinnvoll ist.

Dr. Roland Seim: Verbote sind immer der einfachste Reflex bei Überforderung. Da aber weder die Medien noch das Konsumbedürfnis damit aus der Welt geschaffen sind, schüren sie eher die Neugier. Im liberaleren Ausland, im Internet oder bei ebay.com sind solche Spiele ja weiterhin erhältlich. Globalisierte Informationsströme sind kaum zu kontrollieren, es sei denn, die Herstellerindustrie entschärft selbst die Sachen. Letztlich kann alles, was das Belohnungssystem im Gehirn so reizt, wie es Ballerspiele offenbar tun, süchtig machen. Die Menge macht das Gift. Prohibition und Alkohol hat nicht funktioniert. Ob es bei Killerspielen klappt? Mir erscheint eine Förderung der Medienkompetenz und Kulturtechniken sinnvoller als weitere Gesetze und Verbote.

2. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Zensur-Situation in der BRD ein?

Seim: Auch wenn unsere Medienfreiheit international gesehen vergleichsweise groß ist, so gibt es derzeit doch etwa 5.000 Indizierungen der Bundesprüfstelle und rund 600 gerichtliche Totalverbote von Filmen, Büchern, Tonträgern, PC-Spielen etc. wegen so genannter "sozialschädlicher" Inhalte. Das hat eine hohe Symbolwirkung, ist doch Deutschland einer der größten Märkte. Die Unterhaltungsindustrie will keinen Ärger mit den Behörden und entschärft lieber im Veröffentlichungsvorfeld oder lässt Gewagteres sein. Selbst die Schweizer Kantonspolizei nutzt deutsche Verbotslisten bei der Verfolgung von "Brutalo-Filmen". Freilich vermeiden Rechtsstaaten den Begriff Zensur. Vielmehr begrenzen Jugendschutz, Strafrecht, Kontrollgremien, Zoll und Gerichte die mediale Spielwiese.

3. Ist Ihrer Meinung nach die BPjM in den letzten Jahren liberaler geworden?
Seim: Jugendschutz bedeutet ja nicht gleich Zensur. Nicht alles ist für alle geeignet. Meistens werden rechtsextreme Inhalte indiziert. Die Bundesprüfstelle treibt die Sorge um das Wohl der Halbwüchsigen um. Aber selbst bei der BPjM wirken sich Zeitgeist und Wertewandel aus, wenn sie z.B. "Counterstrike" oder CDs von "50 Cent" nicht indiziert. Andererseits zeigen Entscheidungen etwa gegen Aggro-Rapper, diverse Sex- oder Okkultbücher und Computerspiele, dass die alten Prinzipien der Bewahrpädagogik immer noch vorherrschen.

4. Warum findet die mittlerweile widerlegte Katharsis-These immer noch Zuspruch in der Öffentlichkeit.

Seim: Medienwirkungstheorien sind schwer zu beweisen oder zu widerlegen, u.a. da vergleichende Langzeituntersuchungen kaum möglich sind. Man kann Laborbedingungen schlecht auf alltägliche menschliche Verhaltensweisen übertragen, die nicht monokausal zu erklären sind. Wer weiß schon, wie viele Verbrechen eben nicht verübt wurden, weil das Aggressionspotenzial in anderer Form abreagiert wurde, oder zu wie vielen Vergewaltigungen es nicht kam, da es Prostitution gibt. Der Sinn von Ventilsitten, zu denen auch Karneval, Sportveranstaltungen und Rock-Konzerte zählen, ist, gesellschaftlich geduldet "die Sau rauslassen" zu können. Pech für "Ego-Shooter", dass die sensibilisierte Öffentlichkeit sie z. Zt. nicht dazu zählt, sondern im Umkehrschluss fürchtet, dass hier aus Fiktion Realität wird. Die Millionen von verhaltensunauffälligen Spielern sind kaum keine Schlagzeile wert. Only bad news are good news.

5. Würde eine Reform des Schulsystems mögliche Amokläufe wie in Erfurt verhindern können?

Seim: Mitmenschlichkeit, Empathie und Zukunftsperspektiven stehen selten auf dem Lernplan. In Erfurt wirkten viele ungünstige Faktoren zusammen, bis hin zum Verweis ohne irgendein Abschlusszeugnis. Ein verbessertes Schulsystem - z.B. mehr Ganztagsschulen, Lehrerfortbildungen, höhere Bildungsetats usw. - wäre ein richtiger Schritt. Ähnlich wichtig scheint mir aber auch eine Optimierung von Kinderbetreuung und Unterstützung durch Tagesmütter vor allem von Eltern in Problemsituationen zu sein. Finnland z.B. erzielt damit gute Erfolge, wie nicht nur die PISA-Studien zeigen. Einzelne Verzweiflungstaten lassen sich aber leider nie verhindern.

6. Wie ist Medialog entstanden und was sind die Ziele und Arbeitsweisen des Vereins?

Seim: Repressive, aber angesichts des Internet häufig sinnlose bzw. unwirksame Jugendschutzmaßnahmen gaukeln eine Sicherheit vor, lösen aber kaum die Probleme beim Umgang mit Medieninhalten. Ein Ziel von Medialog e.V. ist es, Medienkompetenz zu fördern, aber auch Vorurteile und Berührungsängste zu verringern. Wir möchten einen Dialog von Eltern und Kindern, von Pädagogen und Medienwissenschaftlern ermöglichen, damit sie wissen, womit sie es zu tun haben und wo mediale Stärken und Schwächen liegen. Dazu setzen wir auf Aufklärungsarbeit über das Internet, auf Tagungen und Seminaren. Der Medialog e.V. gründete sich in Zeiten vorschneller Rufe nach undifferenzierten Verboten aus der Notwendigkeit heraus diesen zu begegnen, nicht zuletzt, um Medien zu entmystifizieren und einen sinnvollen Umgang nachhaltig gewährleisten zu können. www.medialog-ev.de

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